Mamasein in Italien

Mamasein in Italien

 In meiner Reihe "Mamasein in ..." geht es heute nach Italien zu Johanna und ihrer Familie. Johanna hat zwei Kinder, ihr jüngster Sohn ist genau wie meiner Kleiner erst im Juli geboren. Wie sie nach Italien gekommen ist und wie das Mamasein dort so ist, erzählt sie nun im Interview. 

Über mich

Zunächst möchte ich ein bisschen von mir erzählen. Wie bin ich überhaupt nach Italien gekommen? Warum bin ich dort geblieben? Was mache ich hier? Um diese Fragen zu beantworten, gehe ich zurück in ferne 2006...

Quelle: privat/ Johanna, ihr Mann und Sohn Valentino
 
Damals hatte ich gerade das Abitur gemacht. Plan- und hilflos wie man als 19-Jährige ist, konnte ich mich für keinen Studiengang entscheiden. Irgendwie zog es mich ins Ausland. Ich wollte eine internationale Erfahrung machen, bevor ich ernsthaft anfing, zu studieren. "Denn wenn man so etwas nicht gleich nach dem Abitur macht, dann macht man es gar nicht mehr", dachte ich. Und so schickte ich meine Bewerbung als Au-Pair Mädchen ab. Nach Italien oder Frankreich sollte es gehen. Italienisch klang für mich schon immer wunderschön und ich wollte gerne die Sprache lernen. Französisch ist auch eine sehr harmonisch klingende Sprache und ich hatte schon reichliche Vorkenntnisse.

Auf nach Italien

Als die Agentur dann eine Familie aus Ferrara in der Emilia Romagna für mich gefunden hatte, gab es für mich keinen Halt mehr. Ich packte meine Sachen und setzte mich in den Flieger. Auf in ein neues Abenteuer. Mit der Familie hatte ich super Glück. Ich kam richtig gut mit ihnen und den beiden kleinen Mädchen aus. Dank der Familie bin ich viel gereist. Wir waren an den Traumstränden Sardiniens, in den Hügeln der Toskana und am Meer in Ligurien. Als der Sommer dann vorbei war und ich wieder zurück sollte, hatte ich mich schon richtig an das italienische Leben gewöhnt. Ich hatte Freundschaften geschlossen und die italienische Sprache ziemlich gut gelernt. Also habe ich es gewagt, mich direkt in die Universität von Ferrara einzuschreiben.

Quelle: Johanna privat

Dort habe ich dann meinen Bachelor in Betriebswissenschaften abgeschlossen. In der Zwischenzeit habe ich noch Erasmus in Spanien und anschließend meinen Master in Fashion Management und Marketing in Paris gemacht. Aber das sind andere Geschichten...

Und dann kam die Familie

Im Jahr 2011 bin ich in Mailand gelandet. Ich hatte nach meinem Master in Frankreich ein Praktikum bei Versace gefunden und bin so wieder nach Italien gekommen. Aber der eigentliche Grund, warum ich immer noch hier bin, ist mein Mann. Silvio ist Italiener und wir haben uns in Mailand kennen gelernt. Seit 2014 sind wir verheiratet und haben nun 2 Kinder.

Da ich beide Kinder relativ schnell hintereinander bekommen habe, bin ich ständig in Mutterschutz oder Elternzeit. Aber eigentlich arbeite ich im Marketing-Bereich eines großen Mode Online-Retailers. Außerdem schreibe ich seit Mai diesen Jahres meinen eigenen Blog: Bambini Belli - der Mamablog aus Italien.

Quelle: privat/ Johanna, ihr Mann und Sohn Valentino

Aber nun zu den Fragen:

1) Wie bereiten sich die Mütter in Italien auf die Geburt des Kindes vor? 

In Italien werden Kontrollen direkt im Krankenhaus durchgeführt. Es sei denn, man wendet sich an private Praxen. Das übernimmt allerdings nicht die Krankenkasse. Nur, wer eine private Versicherung abgeschlossen hat, kann diese Kosten erstattet bekommen. Es gibt eine Hotline, von der aus man in dem gewünschten Krankenhaus einen Termin vereinbaren kann. Dort wo ich entbunden habe, gibt es einen Geburts-Punkt ("sportello nascite"), wo alles rund um die Geburt und die Vorsorge geregelt wird. Häufig werden die monatlichen Untersuchungen auch von Hebammen durchgeführt.

Ich habe mit meinem Arbeitsvertrag eine private Versicherung mitgeliefert bekommen. Deshalb gehe ich zu einer privaten Frauenärztin. Kurz vor der Geburt habe ich allerdings eine Untersuchung im Krankenhaus machen müssen, damit meine Akte erstellt wurde. Beim ersten Kind habe ich auch den Geburtsvorbereitungskurs dort gemacht. Das ist auch in Italien sehr gängig. Weiteres zur Schwangerschaft in Italien könnt ihr in diesem Beitrag finden.

Quelle: Johanna privat/ Vor dem Mailänder Dom
2) Wo findet die Geburt statt und sind die Väter der Kinder oder andere Verwandte dabei?

Die meisten entbinden in Krankenhäusern. Ich habe auch eine Freundin, die ihr Kind zu Hause bekommen hat. Sie ist nun wieder schwanger und möchte auch das zweite in den eigenen vier Wänden bekommen. Als Unterstützung gibt es Hebammen-Vereine, die einen durch die Schwangerschaft begleiten und um den Geburtstermin auf Abruf bereit sind. So etwas wie Geburtshäuser, in denen man ambulant entbinden kann, gibt es hier nicht.

Normalerweise sind die Väter immer bei der Geburt dabei. Das ist nichts Außergewöhnliches. Im Süden Italiens kann es vorkommen, dass die ganze Familie inklusive Tante, Onkel, Cousinen usw. vor dem Kreißsaal warten. Obwohl ich das auch im Norden schon erlebt habe. Letzte Woche wurde mein Kleiner geboren. Vor dem Kreißsaal haben wir eine Familie gesehen, die mit rosa Luftballons und Geschenken bewaffnet war und auf den neuen Sprössling wartete.

Quelle: Johanna privat/ Der kleine Alessandro ist geboren
3) Wie gestaltet sich die erste Zeit mit dem Neugeborenen? Gibt es in Italien auch so etwas wie Elternzeit?

Wenn man im Krankenhaus entbindet, bleibt man normalerweise die ersten drei Tage dort. Nach der Entlassung bekommt man noch einen Termin zur Kontrolle für das Kind im Krankenhaus und wendet sich dann an den zuständigen Kinderarzt. Eine Hebamme, die nach Hause kommt und einen durch die erste Zeit begleitet, ist nicht üblich. Man kann diesen Service aber gegen Bezahlung bekommen.

Wer Hilfe benötigt, kann sich auch an öffentliche Beratungsstellen wenden. Die sind hier sehr verbreitet und werden häufig von jungen Müttern in Anspruch genommen. In einem sogenannten "Consultorio" trifft man Hebammen, Kinderärzte und Gynäkologen an, die kostenlose Beratung und Untersuchungen bieten.

Der Mutterschutz und die Elternzeit sind in Italien anders geregelt als in Deutschland. Normalerweise beginnt der Mutterschutz zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin. Nach der Geburt hat man noch drei Monate, in denen man zu Hause bleiben muss und nicht arbeiten darf. Es sei denn man ist Freiberufler, dann gelten andere Regeln. In dieser Zeit bekommt man 80% seines Gehalts. Einige Unternehmen integrieren die Summe und man erhält 100%.
Danach hat man 6 Monate flexible Elternzeit. Das bedeutet, dass man sie komplett hinten dran hängen oder separat zu verschiedenen Zeiten nehmen kann. Man hat Zeit bis zum 12. Lebensjahr des Kindes diese 6 Monate aufzubrauchen. Das geht auch stundenweise. Gezahlt wird allerdings nur bis zum 6. Lebensjahr und man erhält 30% des Gehaltes.

Seit ein paar Jahren kann man einen Antrag stellen und bis zu einem Monat vor der Geburt arbeiten. Der andere Monat wird dann hinten dran gehängt. Somit bleibt man mindestens 4 Monate nach der Geburt zu Hause anstatt 3.

Was ich sehr familienfreundlich finde, ist die sogenannte Stillzeit (periodo di allattamento). Wer vor dem ersten Geburtstag des Kindes wieder arbeiten geht, darf bis das Kind ein Jahr alt ist jeden Tag zwei Stunden eher gehen, wird aber voll bezahlt.

Quelle: Johanna privat
4) Ab wann gehen die Kinder in den Kindergarten?

Valentino geht in die Kinderkrippe seitdem er 10 Monate alt ist. In unserer Krippe werden Kinder ab 6 Monaten akzeptiert. Der Kindergarten beginnt mit 3 Jahren.

5) Und wann beginnt die Schule?

Die Schule beginnt mit 6 Jahren. Das ist ähnlich wie in Deutschland.

6) In Deutschland liegt die Erziehung des Kindes mittlerweile ja hauptsächlich bei den Eltern. Ist das in Italien auch so oder sind dort weitere Verwandte beteiligt?

In Italien werden die Großeltern sehr mit einbezogen. Wer das Glück hat und wohnt in der Nähe der Eltern, kann von denen eine große Unterstützung erwarten. Das ist einfach Teil der Kultur. Ich sehe ganz oft Kinder auf dem Spielplatz, die von den Großeltern begleitet werden. Einige gehen noch nicht mal in die Kinderkrippe, sondern werden den ganzen Tag von Oma und Opa betreut während die Eltern arbeiten.

7) Wie wichtig ist Euch die Familie?

Wir haben leider keine Verwandten in der Nähe. Die Eltern und die Schwester von Silvio leben in Padua. Meine Familie lebt in Deutschland. Ich fände es natürlich sehr schön, wenn wir Familie in der Nähe hätten. Sowohl Silvio als auch ich sind eher Familienmenschen. Aber die Umstände erlauben das nun mal nicht. 

Quelle: Johanna privat
8) Jede Kultur hat ihre traditionellen Gerichte. Was essen Kinder in Italien gerne?

Ganz eindeutig: Pizza und Gelato! Das sind auch Valentinos Lieblingsgerichte. Wir können an keiner Eisdiele vorbei gehen, ohne dass er darauf zeigt und laut "Gea" ausruft.

Quelle: Johanna privat/ Die Lieblingspizzeria der Familie
9) Und sieht die Brotdose für die Schule genauso aus, wie bei den deutschen Kindern?

Im Kindergarten und in der Krippe wird das Essen bereit gestellt. Gefrühstückt wird zu Hause. Dann gibt es als Zwischenmahlzeit Obst und um 11.30 Uhr Mittagessen. Nach dem Schlafen gibt es die sogenannte "Merenda". Das sind entweder Kekse und Milch, ein Marmeladenbrot, Cornflakes, Riegel oder ähnliches.

Schulkinder hingegen gehen entweder nach Hause zum Mittagessen oder essen in der Schule. Das einzige, was sie sich selbst mitbringen, ist die Merenda des Vormittags.

10) In Deutschland schlafen die Babys und Kinder früh in eigenen Betten und Kinderzimmern oder die Familien haben sogenannte Familienbetten. Wie schlafen die Babys und Kinder in Italien?

Auch in Italien ist das Familienbett sehr gängig. Einige haben eine Art Beistellbett, aber oft schläft das Kind dann doch zwischen den Eltern. Generell wird aber angestrebt, dem Kind das Schlafen im eigenen Bett und im eigenen Zimmer beizubringen.

Quelle: Johanna privat
11) Was ist in der Erziehung von italienischen Kindern anders als bei deutschen Kindern?

Die Unterschiede liegen sehr im Detail. Zum Beispiel spielen deutsche Kinder auch im Winter und bei schlechtem Wetter draußen. Man sieht alle Kinder in Matschanzüge gekleidet auf dem Spielplatz herum toben. In Italien sind die Spielplätze im Winter leer. So etwas wie Matschhosen gibt es erst gar nicht. Italienische Mütter haben viel Angst, dass sich die Kinder erkälten und daher wird im Winter nicht viel raus gegangen.

Im Sommer hingegen sieht das anders aus. Italiener werden mit Meer und Strand groß. Ist auch sehr verständlich in einem Land, das vom Meer umgeben ist. In den Sommerferien, die drei Monate dauern, sind die Kinder sehr viel draußen. Man sieht oft Familien, die ihre Kinder bis spät abends mit ins Restaurant nehmen. Da werden die Regeln der Bettzeiten gerne gebrochen. Vor allem im Urlaub.

Da die Italiener nicht gerade berühmt für ihre Fremdsprachenkenntnisse sind, wird bei Kindern schon sehr darauf geachtet, ihnen Englisch beizubringen. Ich kenne viele, die ihre Kinder in den Ferien nach England in Summer Camps schicken. Was soll man auch sonst in drei Monaten Sommerferien machen.

Quelle: Johanna prviat/ Der Lago Maggiore
12) Wie wichtig ist der Glaube und gibt es besondere Festtage?

Im Süden spielt der Glaube eine größere Rolle als im Norden. Ich kann hier keinen Unterschied zu Deutschland feststellen. In Italien wird sogar am Pfingstmontag gearbeitet.
Ein besonderer religiöser Festtag ist Maria Empfängnis am 8. Dezember (l'Immacolata). Hier hat das ganze Land frei und es ist traditionell der Tag, an dem der Weihnachtsbaum aufgestellt wird.

Der 6. Januar ist ist der Feiertag der Heiligen Drei Könige. Aber in Italien wird außerdem die Hexe Befana gefeiert. Sie hat eine ähnliche Funktion wie unser Nikolaus. Braven Kindern bringt sie ein Geschenk und unartigen Kohle. Die besteht aus gefärbten Zuckerklumpen.

Quelle: Johanna privat

Außerdem ist der 15. August sehr wichtig. Ein nationaler Feiertag, der bei uns Maria Himmelfahrt genannt wird. Dieser Tag fällt genau in die Urlaubssaison. In Italien ist der August der Urlaubsmonat und wer keinen nimmt, hat zumindest die zentrale Woche im August frei. Junge Leute treffen sich am Abend zuvor am Strand und feiern bis spät in die Nacht am Lagerfeuer und bei Musik. Das Mittagessen wird dann traditionell mit der Familie verbracht und gefeiert. Der "Ferragosto" ist sozusagen eine Ode an den Sommer.
Letztendlich fällt mir noch der Ostermontag ein. An "Pasquetta" werden Osterspaziergänge und Ausflüge mit Freunden unternommen. Es ist der Tag des Osterwochenendes, der nicht mit der Familie sondern mit Freunden verbracht wird. Gemeinsam macht man ein Picknick oder eine Feier unter sich und verbringt einfach Zeit miteinander.

13) Lebt ihr in Italien mehr wie eine deutsche oder wie italienische Familie?

Wir leben eher wie eine italienische Familie, da Silvio Italiener ist und wir in Italien leben. Würden wir in Deutschland leben, wäre das sicher umgekehrt. Ich versuche aber, alle Traditionen und vor allem die Sprache aufrecht zu erhalten. In diesem Artikel habe ich schon einmal über zweisprachige Erziehung gesprochen.

Mit meinen Kindern spreche ich von Geburt an nur auf Deutsch und sie bekommen auch etwas zum Nikolaus oder zum Kindertag geschenkt, obwohl es diese Feiertage in Italien nicht gibt. Das ist mir wichtig, denn ich bin die einzige Verbindung zu ihren deutschen Wurzeln.

Quelle: Johanna privat

***

Vielen Dank liebe Johanna, für das schöne Interview und den tollen Einblick in das "Mamasein in Italien".


Wenn Ihr auch eine Mama in einem anderen Land seid und Lust habt, bei meiner neuen Reihe mitzumachen, meldet Euch unter info(at)zuckersuesseaepfel.de. Ich freue mich darauf.

Und hier könnt Ihr alle bisherigen Interviews in meiner Reihe "Mamasein in ..." noch mal nachlesen: 

Mamasein in Laos
Mamasein in Malawi und Papua Neuguinea
Mamasein in Norwegen  
Mamasein in Dubai   
Mamasein in den Niederlanden    
Mamasein in New Mexiko
Mamasein in Schottland  


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